Copenhagenize Kaputtgart?!

Wir sind zu Gast in København, Dänemark mit knapp 600.000 Einwohnern (reines Stadtgebiet, mit Außenbezirken 1,2 Mio) keine allzugroße Stadt, im Vergleich zu Stuttgart aber dreimal so dicht besiedelt.

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Knapp 40 Prozent der Wege werden hier mit dem Rad zurückgelegt, in Stuttgart sind es 7%. Das Ziel für Kopenhagen ist ein Radverkehrsanteil von 50 % bis 2015. Der angestrebte Titel ist nichts geringeres als „the world best city for cyclists“. Die Maßnahmen dafür sind konkret der Bau von eigenen Fahrradstraßen (damit verbunden das Rückbau von Autofahrspuren), „grünen“ Fahrradwegen, Ausweitung der grünen Welle – Ampelschaltung für Radfahrer auf weitere Strecken, Bau von Brücken nur für Radfahrer und vieles mehr.

Stuttgart möchte seinen Radverkehr ebenfalls erhöhen: von 7 % auf 20 %, bis wann bleibt laut Fritz Kuhn „bewusst unbestimmt“. Die Maßnahmen für den Radverkehr beschränken sich nach dem „Aktionsplan Mobilität“ auf den „beschleunigter Ausbau des bestehenden Hauptradroutennetzplans“, einem Plan der seit Jahren vor sich hindümpelt. Dieses Konzept lautet: wir suchen Lücken im urbanen Raum und bauen dort ein paar Hundert Meter Radweg. Das ganze jetzt also beschleunigt. Sehr viel mehr findet sich zum Thema Fahrrad im großen Aktionsplan nicht. Als ersten Schritt zur erfolgreichen Verwirklichung wurden die Mittel für den „beschleunigten Ausbau“ 2014 im Vergleich zu 2013 von 2,4 Mio auf 1,7 Mio Euro reduziert. Insofern gibt es in Stuttgart für so viele Lippenbekenntnisse, wenn man genau hinsieht, erstaunlich wenig konkretes, dass eine ernsthafte Steigerung des Radverkehrs auf absehbare Zeit zulässt.

Der Schlüssel zu hoher Lebensqualität und einer menschenwürdigen, unserem Entwicklungsstand würdigen Mobilität in Städten ist eine gute Infrastruktur für die Menschen als Fußgänger, Radfahrer und Teilnehmer im öffentlichen Nahverkehr. Auf die Frage „Warum fahren sie Fahrrad?“ antworteten die Kopenhagener wie folgt:

  • Es ist schneller – 56 %
  • Es ist bequemer – 37 %
  • Es ist gesund – 26 %
  • Es ist billig –29 %

Dies trifft wohl auf viele Radfahrer und Radfahrten in vielen Städten zu. Allerdings können Städte durch Infrastrukturausbau Schnellichkeit, Bequemlichkeit und Gesundheit ganz gezielt beeinflussen und fördern. Sie müssen es nur wollen und daran glauben.

Von Kopenhagen lernen, nichts einfacher als das: Mikael Colville-Andersen, Designer und urbaner Mobilitätsexperte bringt Kopenhagen in die Welt. Auf seinem Blog und Netzwerk copenhagenize.com gibt es die urbane Mobilität der Zukunft, wie sie sich gerade entwickelt, im kleinen und ohne die große High-Tech Erfindung die all unsere Mobilitätsprobleme löst. Es sind so viele kleine Elemente die urbane Mobilität und somit menschenwürdige Städte ausmachen, immer im Blick als ganz gewöhnlich Alltagssache: das Radfahren.

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Ein kleiner Teil dieser Radkultur sind in Kopenhagen die geschätzten 40.000 Lastenrad („ladcykler“). 6 % aller Kopenhagener Haushalte haben ein Lastenrad, 25 % aller Familen mit 2 oder mehr Kinder haben eins und können sich ein Leben ohne Lastenrad nicht mehr vorstellen, egal ob Kinder, Einkäufe oder Musikinstrumente, alles findet hier seinen Platz. Lastenräder sind einfach praktisch und gehören im Kopenhagener Stadtbild dazu.

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Mikael war es dann auch, der den „Svajerløb“ – danish open cargo bike race, moderierte und das in gewohnt lässiger Art. „I`m sorry, all the participants are here, but we can not start, there is a car on the track, which got lost. I mean how ironic is that – we are waiting for a car!“

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„Svajere“ ist dänisch und heißt soviel wie Fahrradkurier. In den 20er und 30er Jahren gab es sie zuhauf in Kopenhagen. Innerstädtisch wurden Lasten weitgehend durch die Svajere auf ihren Lastenrädern bewegt, sie sangen dabei gerne und waren für ihren scharfen Ton berüchtigt, der sich mal in Fluchen über andere Verkehrsteilnehmer, mal im Hinterpfeiffen hübscher Mädchen äußerte. Es waren urbane Legenden.
Bis in die 60er Jahre hinein gab es den Svajerløb, 2009 wurde er wiederbelebt: Gefahren wird folgerichtig dann auch in drei Kategorien: Zweirädrige Lastenräder, Dreirädrige Lastenräder und Klasssiker. Alle Kategorien im Prinzip auch zusätzlich als Frauenwettkampf. Zum Abschluss noch einen Staffellauf, vier Runden, vier verschiedene Fahrer auf dem gleichen Rad. Die Last waren jeweils zwei Autoreifen, ein Sand- sowie ein Papiersack. Dem Team Scandinavian Side Bike fehlte im Staffellauf auch noch ein Fahrer uns so durfte ich einspringen. Nach vier Übungsrunden auf dem Prototyp den es ab nächstem Jahr zu kaufen gibt durfte ich das Rad gleich im Wettkampf fahren.

Der zweirädrige Wettkampf wurde von Bull-It Lastenrädern dominiert. Am Start waren aber auch Omnium-Lastenräder und weitere Long Johns. Definitiv wurden hier die schnellsten Runden gefahren. In Kategorie der Dreiräder gewann mit deutlichem Abstand Rasmussen auf einem Side-Bike, das hat Potential, die Konkurrenz auf klasssichen Christiania Rädern, Niholas oder nobelen Butcher&Bikes-Dreirädern staunte nicht schlecht.

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In der Retro-Kategorie gab es vom Short John aus den 30er Jahren über die klassischen dänischen LongJohns bis zu einem großeen dreirädrigen (sicher schwer!) Lastenrad alle Radtypen. Schön dass alle Teilnehmer stil- und zweitbewusst gekleidet waren.

Abschließend wurden neben den Fahrern auch noch zwei Kopenhagener Fahrradinitiativen durch die 1. Fahrradbeauftragte Kopenhagens prämiert:
Die Initative „Cykling Uden Alder“ (Radfahren ohne Alter) dafür, dass sie Rikscha und Lastenradtouren für ältere Menschen ermöglicht und damit genartionenübergreifend freudige Erlebnisse schafft.
Der Discounter Lild wurde ebenfalls prämiert für seine fahrradfreundliche Kundeneinrichtung, viele Filalen haben eine kleine Servicestation mit Kompressor und Fahrradschlauchautomat installiert, zudem gibt es Abstellplätze für Lastenräder. Der Lidl-Eismann ist mit dem Lastenrad unterwegs.

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Copenhagenize, als Gewinn urbaner Lebensqualität?! – ja bitte!

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